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Sachindex
Akt, Männlicher Akt, Figur

Schreitender II

Werkverzeichnis-Nr.:
055
Objekttyp:
Entstehungsort:
Meisterschüleratelier der Akademie der Künste am Pariser Platz, Berlin, DDR
Gründe der Datierung (Freitext):
Bronzegüsse 1983
Technik / Material (Werteliste):
Guss / Bronze
Technik / Material (Freitext):
Bronzeguss
Maße (HxBxT):
193 x 33 x 52 cm
Nummer innerhalb der Auflage:
3
Aus einer Auflage von:
3
Bemerkungen zum Multiplikat:
Aufstellung im öffentlichen Raum Jena und Ankauf Leipzig
Signatur:
Rs. links auf der Plinthe E CLG (Monogramm im Kreis) 84
Bezeichnung, durch Künstler/in:
unbezeichnet
Beschriftung, von fremder Hand:
unbeschriftet
Objektbeschreibung:
Stehender männlicher Akt
Artefakte / Herstellungsprozess:
Der Schreitende I (1978) ist die Vorstufe zum Schreitenden II (1979).
Drei Güsse sind bekannt:
Erstguss im öffentlichen Stadtraum Jena
Zweitguss im MdbK Leipzig
Drittguss im Nachlass
Aktueller Standort:
Depot
Aktuelle Präsentation:
öffentlicher Innenraum
Eigentümer:
Erbengemeinschaft CL Gaedicke
Zugangsjahr:
2012
Zugangsart:
Erbe
Bemerkungen zur Provenienz:
1. Bronzeguss Zentrale Bildhauerwerkstatt des VBK-DDR 1983 - im öffentlichen Stadtraum Jena, Karl-Marx-Allee seit 1983
2. Bronzeguss, Museum für Bildende Künste Leipzig, 1984, Standort: Depot Inv.-Nr. P 750
3. Bronzeguss im Nachlass
Kommentar / Kontext / Wirkungsgeschichte:
Beide sind während der Meisterschülerzeit in der Akademie der Künste der DDR entstanden. Plastiken wie der Schreitende, die Porträtköpfe einer jungen Frau und des Pförtners Kops sind in einer solchen hohen gestalterischen Qualität von Claus-Lutz Gaedicke noch nicht geformt worden. Offenbar nutzte der Künstler die Zeit seines Wirkens als Meisterschüler zu intensiven Modellstudien, schulte sein Gefühl für plastische Ausdruckselemente und lernte sie sicherer handhaben ... Früher gewann dieser Künstler die Wirkung seiner Figuren oft aus überbetonten Deformierungen der natürlichen Gestalt des Menschen. In diesen jüngeren Bildwerken erwächst sie nun aus einem Ausdruck innerer Spannung mit dem sich zugleich differenzierte Persönlichkeitswerte mitteilen.
Dr. Helmut Metzger, Erreichtes und zu Erreichendes. In: Berliner Zeitung, 19. Nov. 1981, S7

… Claus-Lutz Gaedicke scheint vordergründig gesehen, der halleschen Formensprache ferner zu stehen, schon durch die Vielfalt im Materialeinsatz, besonders bei seinen Steinarbeiten. Gaedickes Steine erinnern anfangs an die archaischen Wesen, die Gerhard Marcks mit nach Halle brachte. Gaedicke zerschrundet und zerklüftet dann den stets im Umriß gewahrten Block durch kleinteilige, erregte Binnenformen, die ihm eine geheimnisvoll veränderte Räumlichkeit aufzwingen. Gleichzeitig bemerkt man die Wirkung Wieland Försters, bei dem Gaedicke Meisterschüler war. Der hoch aufgerichtete „Schreitende“ führt ihn in die fordernde Nähe von Försters „Großer Neeberger Figur“, wo er sich in dialektischer Gegensätzlichkeit von idolhafter Ruhe und realistischer Aktivität zu behaupten hat.
Schönemann, Heinz: Bildhauerkunst aus Halle, 1987, S. 200

Ein „Schreitender“, bei dem man erst genau hinsehen muß, um zu merken, daß er schreitet? Die Plastik könnte doch ebensogut „Stehender“ heißen? Sind solche Titel, die eine Körperhaltung bezeichnen überhaupt von Bedeutung? Oft weisen die Titel tatsächlich nicht über sich hinaus. Das Motiv des „Schreitenden“ ist aber in der Geschichte der modernen Plastik von besonderer Wichtigkeit. Es wurde von Auguste Rodin mit seiner Plastik „Johannes der Täufer“ (1877-80) und dem „Schreitenden Mann“ (1878-1900) einem Torso ohne Kopf und Arme, erstmals betont herausgestellt und später von verschiedenen Bildhauern aufgenommen. . In diese Reihe gehören auch der „Schreitende“ und der „Römische Mann“ (1936/37) von Hermann Blumenthal sowie der „Große schreitende Mann“ (1968/69) von Wieland Förster. Alle genannten Plastiken – und auch die von Gaedicke – sind überlebensgroß (der Rodinsche Torso, ursprünglich kleiner, wurde 1905-1907 ebenfalls auf Überlebensgröße gebracht). Außerdem haben sie eine auffällige Gemeinsamkeit, die im Widerspruch zum Motiv des Schreitens steht: beide Fußsohlen haften mit ihrer ganzen Fläche auf dem Boden. Dadurch entsteht die merkwürdige Spannung zwischen Stehen und Gehen, wie sie bei Gaedickes Plastik gleich auffällt. Diese Spannung und die Überlebensgröße weisen darauf hin, daß es sich um exemplarische Deutungen menschlicher Existenz handelt […] Der linke Fuß ist nur wenig vorgestellt, der rechte schräg nach außen gedreht. Die beiden Arme drücken auf unterschiedliche Weise den gleichen Zwiespalt aus. Der linke scheint die Vorwärtsbewegung jeden Moment wieder zurücknehmen zu wollen, der rechte auf den richtigen Moment zur Aktivität zu warten. Der Körper des Mannes ist alt, aber nicht schlaff und nicht verfettet. Das Leben hat Kraft und Frische gekostet, aber der Mann ist noch stark. In der Sprache des Körpers und der Gliedmaßen verbindet sich Stärke mit Erfahrung und dem aus ihrem Wissen erwachsenden Zögern. Dem entspricht auch der Ausdruck des leicht erhobenen Kopfes mit dem etwas nach links gewandten Gesicht, in dem sich Skepsis und Zuversicht, Stolz und Unsicherheit, Ironie und Warmherzigkeit abzeichnen. Das Unbedenkliche Vorwärtsschreiten der Jugend ist diesem Manne nicht mehr möglich. Sein Handeln ist vorsichtig und bedachtsam. D. h. Er sieht voraus auf die Folgen seines Handelns und bedenkt sie. Jedenfalls ist er mir so begegnet, und er ist dadurch in der zitierten Reihe der „Schreitenden“ derjenige, der mich am meisten beunruhigt, weil sich mir vor ihm Fragen nach dem rechten Handeln stellen: Unbedenklichkeit kann Frische und Stärke aber auch Rücksichtslosigkeit und Leichtsinn bedeuten; Bedachtsamkeit kann Klugheit sein und zum Erfolg führen aber auch Ängstlichkeit verschleiern und die richtige Gelegenheit versäumen. Gaedickes „Schreitender“ umfaßt in seiner zurückhaltenden Formensprache, ohne auf dramatische Gestik angewiesen zu sein, eine erstaunliche Spannweite des Ausdrucks, die sich in der Zweisprache mit der Figur als Ganzes und mit ihren Details erschließt.
Hüneke, Andreas: Expertise Schreitender II. Halle (Saale) 1984. Typoskript o. S.

Der "Schreitende" kommt ganz aus ihm selbst, das zeigt die erste Fassung. Sie erscheint im Vergleich zur ersten wie eine Naturstudie, gut modelliert, aber auch ohne jene Formenbildungen, aus denen Dialektik und Inhaltlichkeit der zweiten Figur erwachsen.
Raum, Hermann: Ein Versuch, zu sehen und zu beschreiben, was der Bildhauer gemacht hat. Katalog zur Ausstellung 1984, Galerie Marktschlößchen, Halle/Saale, S. 2

Diese Figur entstand nach dem "Schreitenden I" (Gips 1978) bzw. vor "Adam oder die Befragung" (Naturstein 1980/83) und offenbart eine künstlerisch-dialektische Sicht. Gezeigt wird kein Ausschreitender - wie der Titel verspricht - sondern ein nachdenklich stehender Mann. Dabei handelt es sich keineswegs um eine gewöhnliche Gebärde, vielmehr um den bestimmten Ausdruck eines in sich widersprüchlichen, manchmal sogar störrisch-trotzigen Geistes, der schöpferisch veranlagt ist. Diese durchaus ungewöhnliche Figur, die sowohl selbstbildnishafte als auch typisierende Züge in sich vereinigt, strahlt ohne falsche und verstiegene Pathetik Kraft und menschliche Würde, Stolz und Wahrhaftigkeit aus.
Gaedickes Figur erreicht ein hohes Niveau in der Geschlossenheit der Gesamtform. Probleme der Proportionen, der Maßverhältnisse usw. ordnen sich dieser primären Tendenz der Formenentwickling zu. Die Kraft des plastischen Ausdrucks steckt im Reichtum der Flächenerfindungen rund um die Figur, mit spannungsvollen Wechseln von gestrafften und gelockerten Details. Dabei wirkt die Figur zugleich gelöst und doch gebunden - es ist ein Bild mit plastischer Stabilität ohne strenge Formverfestigungen.
Elisabeth Kuhlmann, Skulpturengarten Darmstadt, unveröffentlichtes Manuskript, 1985
Weitere Abbildungen:

Meisterschüleratelier Akademie der Künste, Berlin, Pariser Platz,
Schreitender II, 1979, Arbeitszustand

© VG Bild-Kunst, Bonn; Yvette Ihlow-Gaedicke, Urs Ihlow; Akademie der Künste, Berlin
Foto: AdK/Kraushaar

Meisterschüleratelier Akademie der Künste, Berlin, Pariser Platz,
Schreitender II, 1979, Arbeitszustand

© VG Bild-Kunst, Bonn; Yvette Ihlow-Gaedicke, Urs Ihlow; Akademie der Künste, Berlin
Foto: AdK/Kraushaar

Meisterschüleratelier Akademie der Künste, Berlin, Pariser Platz,
Schreitender II, 1979, Arbeitszustand

© VG Bild-Kunst, Bonn; Yvette Ihlow-Gaedicke, Urs Ihlow; Akademie der Künste, Berlin
Foto: AdK/Kraushaar

Meisterschüleratelier Akademie der Künste, Berlin, Pariser Platz,
Schreitender I und II, 1979,

© VG Bild-Kunst, Bonn; Yvette Ihlow-Gaedicke, Urs Ihlow
Foto: AdK/Kraushaar

Meisterschüleratelier Akademie der Künste, Berlin, Pariser Platz,
Schreitender I und II, 1979,

© VG Bild-Kunst, Bonn; Yvette Ihlow-Gaedicke, Urs Ihlow
Foto: AdK/Kraushaar

Schreitender II
1979
Bronzeguss 1983
193 x 33 x 52 cm
Standort Garten

© VG Bild-Kunst, Bonn; Yvette Ihlow-Gaedicke, Urs Ihlow
Foto: Urs Ihlow
Vorhandene Reproduktionsvorlage (beste Qualität):
Farbe Digital Repro
Weitere Reproduktionsvorlagen:
s/w Negativ
Kernbestand:
ja
Nachlassbestand:
ja

Brockhaus, Christoph/Hartleb, Renate/Klugmann, Claudia/Sander, Dietulf, Museum der bildenden Künste Leipzig. Katalog der Bildwerke, Köln 1999, hier: S. 118.
Hüneke, Andreas, Gaedicke, Claus-Lutz. Schreitender II, 1979, in: Verband Bildender Künstler der DDR (Hg.), Monographien zu Werken der IX. Kunstausstellung der DDR, Berlin 1982, S. o. P., hier: o. S.
Kern, Peter, Über den Bildhauer Claus-Lutz Gaedicke, in: Galerie im Turm, Berlin (Hg.), C.-L. Gaedicke Bildhauerarbeiten, Berlin 1989.
Kuhlmann, Elisabeth, Skulpturengarten Darmstadt, Darmstadt 1985. Nachlassarchiv C.- L. Gaedicke, Berlin, unveröffentlichtes Manuskript.
Raum, Hermann/Hüneke, Andreas/Netzker, Helmut, Claus-Lutz Gaedicke, Halle (Saale) 1984, hier: S. 2, 4, 22 (Abb.).
Raum, Herrmann, Wieg, Cornelia, C.L. Gaedicke, Kunst im Bezirk Halle, Halle/Saale 1984.

© VG Bild-Kunst, Bonn; Yvette Ihlow-Gaedicke, Urs Ihlow
Foto: Yvette Ihlow-Gaedicke