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St. Petruskirche, Dessau

Gedenk-und Mahnmal

Werkverzeichnis-Nr.:
076
Objekttyp:
Entstehungsort:
Gernewitz
Technik / Material (Werteliste):
Betonguss
Maße (HxBxT):
140 x 75 cm
Tiefe unbekannt
Signatur:
verso u.: befindet sich auf der Rückseite, am unteren Rand, Ligatur CLG im Kreis, 28.X. 1986 in Gernewitz
Bezeichnung, durch Künstler/in:
unbezeichnet
Beschriftung, von fremder Hand:
unbeschriftet
Objektbeschreibung:
Das Relief zeigt einen hingesunkenen weiblichen Akt, der Kopf ist nach rechts geneigt, ein Arm fällt nach vorn. Zu ihren Füßen steht die Jahreszahl 1945.
Artefakte / Herstellungsprozess:
Betonabguss vom Original Cottaer Sandstein 140 x 75 (1986)
Geplant war ein Relief in Keramik, bei Besichtigung des Modells und der schon begonnenen Arbeit am Sandstein, empfahl Karl-Heinz Meißner, Leiter der Kunstdienstes der Evangelischen Kirche, die Entscheidung für den Sandstein zu treffen. Vgl. dazu Kommentar/Kontext/Wirkungsgeschichte.
Aktueller Standort:
Depot
Aktuelle Präsentation:
Depot
Eigentümer:
Erbengemeinschaft C.-L. Gaedicke
Zugangsjahr:
2012
Zugangsart:
Erbe
Bemerkungen zur Provenienz:
Betonabguss vom Original aus Sandstein und steht in der St. Petruskirche in Dessau, Wilhelm-Müller-Str. 1.
Der Originalstein ist 1985/86 im halleschen Atelier in der Blumenstraße enstanden.
Kommentar / Kontext / Wirkungsgeschichte:
Dieses Mahnmal wurde von der evangelischen Kirchengemeinde St. Petrus in Dessau in Auftrag gegeben - im Gedenken an die Opfer der Zerstörung der Stadt kurz vor dem Ende des zweiten Weltkrieges.

Auf Einladung von Ihnen habe ich am 27. 11. 1985 das Modell des Halleschen Bildhauers Claus-Lutz Gaedicke für ein Relief zum Gedenken an die Zerstörung des 2. Weltkrieges in Dessau besichtigt. Der Künstler hat eine Modellfassung in Ton - in halber Größe - vorgelegt, nach der das Denkmal in gebranntem Ton ausgeführt werden könnte. Es war aber auch eine Aufnahme eines Sandsteines zu beurteilen, den Gaedicke mit der gleichen Darstellung bereits angefangen hatte zu arbeiten.
Das Relief zeigt eine hingesunkene sitzende, unbekleidete weibliche Figur, die streng in ein Hochrechteck eingebunden ist; den bewegteren oberen Abschluss bildet eine von der linken zur rechten Schulter abfallende Linie, aus der nach rechts geneigte Kopf sich erhebt.
Die schwere Figur ist auf ihren linken Unterschenkel gesunken. Auf dem aufgerichteten anderen Unterschenkel ruht die rechte Schulter, von der Hand umfaßt. Der linke Arm ist leicht vom Rand des Oberkörpers verdeckt. Der von diesem Arm und den Unterschenkeln senkrecht und waagerecht gerahmte Körper ist plastisch modelliert, ohne daß sich die große Form in Einzelheiten auflöste.
Dieser groß gesehene Körper erscheint als Sinnbild für menschliche Urbefindlichkeit, jenseits von Begriffen wie schön - unschön oder erotisch. Die Frau, die Leben weitergeben darf, ist hier gedrückt - bedrückt: das eigene Leben ist beengt. Erschöpfung und Trauer auf ihr. Schutz- und wehrlos ist ihre Existenz geworden. Die stumme Abwendung des Kopfes verrät Ratlosigkeit. Doch in dem muskulösen Oberkörper ist nicht nur vergangene Kraft ablesbar, sondern auch mögliches Wiederbeginnen. Sich - aufrichten - können. Die angedeutete Drehung des Körpers könnte dann womöglich zur Aufwärtsbewegung werden.
Claus-Lutz Gaedicke hat mit dieser Frauenfigur ein Sinnbild gefunden, in dem sich Leid des Krieges widerspiegelt. Der Tod der Männer und Söhne - aber auch vieler Frauen. ... Die räumlichen Beziehungen zwischen dem Relief und dem gemaltem Gotteslamm lassen auch Assoziationen über inhaltliche Beziehungen zu.
Bei meinem Besuch konnte ich nur Vorarbeiten für das Relief beurteilen. Sie lassen aber unschwer erkennen, daß der Bildhauer sein Thema trotz der Beschränkung auf das gewiß kleine Format mit einer gewissen Monumenatlität zu lösen vermag. Sein Ausgangspunkt ist der konkrete Anlass der Zerstörung des Lebens in der Stadt, wie auch der Kirche und ihrer Umgebung durch die Bombardements im 2. Weltkrieg. Das Werk gewinnt aber zugleich Allgemeingültigkeit.
Ich würde sehr empfehlen, das Relief nicht in Keramik, sondern in Sandstein auszuführen. Nicht die farbige Einbeziehung in die Gegebenheiten der Backsteinkirche stärkt die gewünschte Wirkung, sondern der gewisse Dialog der Materialien und Farben, der durch den Sandstein entstünde.
Ich möchte den Beschluss des Kirchenkreises Dessau, das Denkmal von Claus-Lutz Gaedicke für die Paulskirche anzuschaffen, unterstützen und sehr begrüßen.
Karl-Heinz Meißner, Leiter der Kunstdienstes der Evangelischen Kirche, 29. November 1985
Weitere Abbildungen:

Skizze und Modell im halleschen Atelier (Blumenstraße)

© VG Bild-Kunst, Bonn; Yvette Ihlow-Gaedicke, Urs Ihlow
Foto: Peter Kersten

Arbeitsfassung des Sandsteins

© VG Bild-Kunst, Bonn; Yvette Ihlow-Gaedicke, Urs Ihlow
Foto: Peter Kersten

Blick ins hallesche Atelier (Blumenstraße)
rechts: Claus-Lutz Gaedicke

© VG Bild-Kunst, Bonn; Yvette Ihlow-Gaedicke, Urs Ihlow
Foto: Peter Kersten

Gedenk- und Mahnmal
1983
Cottaer Sandstein
140 x 75 cm
St. Petruskirche, Dessau

© VG Bild-Kunst, Bonn; Yvette Ihlow-Gaedicke, Urs Ihlow
Foto: C.-L. Gaedicke

Gedenk- und Mahnmal Entwurfszeichnung
1986
Blei koloriert auf Papier
22.5 x 17.8 cm

© VG Bild-Kunst, Bonn; Yvette Ihlow-Gaedicke, Urs Ihlow
Foto: Scan
Vorhandene Reproduktionsvorlage (beste Qualität):
Farbe Digital Repro
Weitere Reproduktionsvorlagen:
s/w Papier
Kernbestand:
nein
Nachlassbestand:
ja

Evangelische Haupt-Bibelgesellschaft zu Berlin und Altenburg/Kunstdienst der Evangelischen Kirche (Hg.), Werk deiner Hände. Plastik aus der DDR im Dialog mit der Bibel, Berlin/ Altenburg 1990.
Gaedicke, Claus-Lutz, Skizzenheft, Halle (Saale) 1985. Nachlassarchiv C.- L. Gaedicke, Berlin, geführt bis 1986, hier: o. S. (Skizze).

© VG Bild-Kunst, Bonn; Yvette Ihlow-Gaedicke, Urs Ihlow
Foto: Yvette Ihlow-Gaedicke